Interview

«Kaum jemand bekommt ihn je zu Gesicht. Der Luchs ist ein heimliches Tier, wenn auch nicht unbedingt ein scheues. Einzig Spuren gerissener Rehe oder auch mal die eines gerissenen Schafs deuten darauf hin, dass derzeit mehr als hundert dieser Raubkatzen in der Schweiz leben. Noch in den 1960er-Jahren war die Schweiz luchsfreie Zone, doch seit im Jahr 1971 im Kanton Obwalden die ersten beiden Tiere, ein Männchen und ein Weibchen, im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts freigelassen wurden, hat sich der eurasische Luchs seinen Platz im alpinen Lebensraum zurückerobert.»

 

Das klingt nach Erfolgsgeschichte, ist es aber nur bedingt. Denn der Luchs verhält sich bei Weitem nicht immer so, wie sich dies die beteiligten Forscher wünschen würden. Vor allem macht er keine Anstalten, seinen Lebensraum auszudehnen. «Die Populationen sind relativ stabil», sagt der Wildbiologe Urs Breitenmoser von der Fachstelle für Raubtierforschung KORA. «Das gefällt uns aber nicht, da fehlt die räumliche Expansion.» Breitenmoser ist einer der besten hiesigen Luchskenner; zusammen mit seiner Frau und Forscherkollegin Christine Breitenmoser-Würsten hat er in jahrelanger Arbeit eine eindrückliche und schön gestaltete Monografie über den Luchs verfasst, die seit Kurzem im Buchhandel erhältlich ist.

 

Ein Verstoss gegen die Gesetze der Populationsbiologie

In der Schweiz leben derzeit zwei Luchspopulationen: etwa 20 Tiere im Jura und eine grössere Population von 80 erwachsenen Tieren in den Nordwestalpen, einem Gebiet, das sich von den Waadtländer und Freiburger Alpen über das Berner Oberland bis zum Vierwaldstättersee erstreckt. Dazu kommen noch knapp zehn Luchse in der Ostschweiz, die seit 2001 ihm Rahmen des «Luno»-Umsiedlungsprojekts von den Nordwestalpen und dem Jura ins Tössstockgebiet an der Grenze zwischen den Kantonen Zürich und St. Gallen sowie in die Churfirstenregion «verpflanzt» wurden. Die Umsiedlung in die Ostschweiz war eine direkte Folge der fast schon sturen Standorttreue der hiesigen Luchse. Sie verlassen den einmal besetzten Lebensraum selbst dann nicht, wenn ihre Zahl und damit die Populationsdichte deutlich ansteigt. «Luchse sind konservative Besiedler», sagt Urs Breitenmoser. Damit «verstossen» sie eigentlich gegen ein Gesetz der Populationsbiologie, das besagt: je höher die Populationsdichte einer Tierart, desto grösser ihr Ausbreitungsdrang. «Dass sich der Luchs anders verhält», konstatiert Breitenmoser, «dafür haben wir keine bio-logische Erklärung.» Ende der Neunzigerjahre zum Beispiel lebten so viele Luchse im Berner Oberland, dass die lokalen Rehbestände stark zurückgingen und Bauern sich gegen Übergriffe der Luchse auf ihre Schafe zu wehren begannen. Als Lösung bot sich damals an, einige Luchse einzufangen und umzusiedeln – in die Ostschweiz zum Beispiel. Mit der Umsiedlung der Alpenluchse verfolgen Forscher und Behörden aber noch ein zweites Ziel: Sie hoffen, dass sich dereinst die Territorien der Luchse aus der Ostschweiz und den Nordwestalpen zu einem grösseren zusammenhängenden Lebensraum vereinigen werden. Denn eigentlich gibt es keinen einleuchtenden Grund, warum die Nordwestalpen-Luchse ihr Territorium nicht nach Osten Richtung Uri, Glarus und Graubünden oder nach Westen Richtung Frankreich ausdehnen könnten. «Das sind gut geeignete Lebensräume», sagt Christine Breitenmoser. Man muss sich fragen: Warum nur weigert sich der Luchs – ganz anderes als seine Raubtierkollegen Wolf und Bär – neue Lebensräume zu erobern? Was hindert die Tiere daran, neue Gebiete zu besiedeln? Das Forscherpaar Breitenmoser glaubt zumindest ansatzweise eine Antwort auf solche Fragen zu haben. So leben Luchse zwar als Einzelgänger, sie brauchen aber trotzdem regelmässigen Kontakt mit Artgenossen. Sprich: Ihre 50–300 km2 grossen Territorien müssen vernetzt sein. Überwindet zum Beispiel ein Jungtier eine Barriere wie ein breites besiedeltes Tal – was für das einzelne Tier kein Problem ist –, so ist es auf der anderen Seite schnell isoliert. Entweder es kehrt zurück, oder es verschwindet ohne Nachkommen im Luchs-Nirwana.

 

Die Wiederansiedlung ist noch lange nicht abgeschlossen

Christine und Urs Breitenmoser glauben auch zu wissen, was es braucht, damit eine Wiederansiedlung ein Erfolg wird. In der Zentralschweiz, sagen sie, habe die Wiederansiedlung funktioniert, weil das Gebiet um den Pilatus ein relativ geschlossener Raum ist. Die sechs ausgesetzten Luchse hätten darin eine gute räumliche Struktur gefunden. Trotz der stabilen Luchspopulation in den Nordwestalpen ist für Breitenmosers die Wiederansiedlung des Raubtiers noch lange nicht abgeschlossen. Sie träumen davon, das Raubtier werde dereinst im ganzen Alpenbogen wieder jagen. Doch bis die beiden heutigen Luchspopulationen in den Alpen – jene in der Schweiz und eine in Slowenien – sich zu einem grossen Luchsterritorium vereinigen werden, wird es noch lange dauern. Zum einen, weil in Österreich frühere Wiederansiedlungsprojekte schon gescheitert sind. Zum andern, weil bei der internationalen Zusammenarbeit mehr Diplomatie als Wissenschaft gefragt ist. «Wir werden das wohl nicht mehr erleben», sagt Urs Breitenmoser, «aber das ist nicht so wichtig. Hauptsache, der Luchs wird es noch erleben.»

Nik Walter, SonntagsZeitung 22. Juni 2008